Wenn Schweigen doppelt zählt
Bis peccas, cum peccanti obsequium commodas.
„Gleich doppelt machst du einen Fehler, wenn du dem, der einen Fehler begeht, gehorchst.“
Publilius Syrus – Sententiae
Dieser Vers richtet sich nicht an jene, die handeln, sondern an jene, die zuschauen. An die, die wissen, dass etwas falsch läuft, aber nicht widersprechen. An die, die mitlaufen, ohne zu wollen. An die, die schweigen, obwohl sie eigentlich sprechen möchten.
Die leisen Komplizenschaften des Alltags
Ein Meeting, in dem niemand etwas sagt. Eine Entscheidung, die alle mittragen, obwohl sie Fragen hätten. Oft sind es keine großen Skandale. Es sind die kleinen Momente, in denen sich zeigt, wie viel von uns selbst wir zu behalten bereit sind.
Diese Momente fordern uns heraus. Nicht, weil sie dramatisch sind. Sondern gerade durch ihre Beiläufigkeit. Und gerade darin liegt ihre (destruktive) Kraft: in der stillen Wiederholung. In der Erosion dessen, was wir einmal als unsere Haltung empfunden haben.
Zwischen Struktur und Selbstzensur
Natürlich gibt es Kontexte, in denen offene Kritik schwer fällt. Machtgefälle, wirtschaftliche Abhängigkeit, informelle Sanktionen – kurz: Was, wenn ich das mache? Aber nicht jede Anpassung ist äußerlich erzwungen. Viele Grenzen entstehen in uns:
- „Ich will kein Drama machen.“
- „Ich habe dazu doch nichts Relevantes beizutragen.“
- „Das ist gar nicht mein Thema.“
Im Coaching begegne ich diesen inneren Stimmen häufig. Nicht bei Menschen, die „nicht können“. Sondern bei Menschen, die fein beobachtend und verantwortungsvoll sind. Und die gerade deshalb oft zögern: weil sie wissen, was auf dem Spiel steht. Für andere. Und für sie selbst.
Doch genau hier liegt der Wendepunkt: Wenn Schweigen zur Regel wird, verlieren wir mehr als nur Stimme. Wir verlieren Sichtbarkeit. Einfluss. Und Schweigen für Schweigen auch unsere Integrität.
Coaching als Raum für innere Klärung
Coaching kann hier ansetzen. Nicht mit der (recht schlichten) Forderung nach „mehr Mut“, sondern mit einer differenzierten Auseinandersetzung:
Was hindert mich, Position zu beziehen?
Welche inneren Glaubenssätze halten mich zurück? Welche Erfahrungen prägen mein Kommunikationsverhalten?
Wie möchte ich mich erleben?
Was bedeutet Integrität für mich? Wie viel Widerspruch fühlen sich für mich in diesem Moment stimmig an?
Was könnte ein erster Schritt sein?
Nicht jede Situation verlangt ein Statement. Aber viele verlangen Bewusstheit. Ein bewusstes Schweigen ist nicht dasselbe wie ein schweigendes Verdrängen.
Einladung zum Nachdenken
Wem hast du zuletzt zugestimmt, obwohl du innerlich widersprochen hast? Und wie sähe ein Moment aus, in dem du dir erlauben würdest, deine Stimme wiederzufinden?

