Warum wir uns selbst verstehen und andere bewerten
quia magis ea percipimus atque sentimus, quae nobis ipsis aut prospera aut adversa eveniunt, quam illa, quae ceteris, [… ] aliter de illis ac de nobis iudicamus.
„Weil wir eher die Dinge wahrnehmen und fühlen, die uns selbst geschehen – sei es im Guten oder im Schlechten – als jene, die anderen geschehen, […] urteilen wir anders über jene als über uns selbst.“
– Cicero, De officiis 1,30
Was uns selbst widerfährt, berührt uns unmittelbar. Es bewegt unseren Körper, erfüllt ganz unsere Gedankenwelt. Was anderen geschieht, bleibt hingegen oft (mindestens ein Stück) entfernt. Wir sehen es, vielleicht mitfühlend, aber natürlich nicht mit derselben Tiefe oder Dringlichkeit.
Cicero benennt hier etwas, das die Psychologie heute Akteur-Beobachter-Divergenz nennt: Für mein Verhalten habe ich Gründe (meist situativ). Für dein Verhalten habe ich ein Urteil (oft bezogen auf deine Persönlichkeit).
Vom Verstehen zum Urteil – und zurück
Im Alltag passiert das fast automatisch:
Ein Zuspätkommen bei mir selbst? „Der Verkehr, die Bahn, der Hund, etc…“
Bei dir? „Unzuverlässig.“
Solche verkürzten Zuschreibungen sind menschlich. Und doch bergen sie Risiken. Sie schaffen Distanz, nähren Missverständnisse und erzeugen bei unserem Gegenüber das Gefühl: „Du siehst mich nicht.“ Besonders in Teams oder Beziehungen kann sich das leise zu einem dauerhaften Störgeräusch entwickeln.
Coaching als Perspektivraum
Wenn mir solche Spannungen im Coaching begegnen, treten sie selten als klar benanntes „Problem“ bzw. Anliegen auf. Häufig sind sie eingewoben in ein Gefühl von Unstimmigkeit. Manchmal wird es umschrieben als unterschwellige Spannung oder fehlende Verbindung.
Systemisches Coaching sucht hier nicht die „eine Wahrheit“. Es lädt dazu ein, die eigene Sichtweise zum einen zu wahren, zum anderen gleichzeitig zu prüfen, was passiert, wenn wir sie bewusst verschieben. Für Menschen in Verantwortung kann dieser Schritt fast unscheinbar wirken und dennoch ein Wendepunkt sein: Nicht darauf zu bestehen, Recht zu behalten, sondern bereit zu sein, neu hinzusehen.
Einladung zum Nachdenken
Wann hast Du zuletzt gespürt, dass Du jemanden vorschnell beurteilt hast? Und was hat Dir in dem Moment noch gefehlt, um genauer hinzusehen?

