Voller Vorfreude auf den nächsten Fehler?
Cuiusvis hominis est errare; nullius nisi insipientis perseverare in errore.
„Ein jeder Mensch irrt sich; aber nur der Dumme beharrt auf seinem Irrtum.“
– Cicero, Philippicae 12,5
Ein Zahlendreher in einer E-Mail, eine vergessene Deadline oder ein unbedachter Kommentar: Fehler passieren. Jeden Tag. Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, sie müssten vermieden oder, da nun einmal immer etwas daneben geht, verschwiegen werden. Manchmal verschweigen wir sie nicht nur vor anderen, sondern auch vor uns selbst. Schade! Denn damit berauben wir uns aus Angst oder Übermut einer Lerngelegenheit. Ciceros Zitat erinnert uns daran: Der eigentliche Fehler liegt nicht im Irrtum selbst, sondern im beharrlichen Festhalten daran. Häufig ist es aber nicht Dummheit, die uns am Irrtum festhalten lässt, sondern soziale Erwartungen.
Perfektionismus im beruflichen Kontext
Vor allem im Berufsleben entstehen durch gesellschaftlich und kulturell geprägte Normen hohe Ansprüche an Fehlerfreiheit:
- „Ich darf mir keinen Fehler leisten.“
- „Andere dürfen scheitern – aber nicht ich.“
- „Ich muss es auf Anhieb richtig machen.“
Solche Überzeugungen können Lernprozesse hemmen, Innovationen verhindern und ein Klima der Unsicherheit fördern. Statt kreativ und mutig zu handeln und zu denken, dominieren Angst und Zaghaftigkeit. Fehler werden nicht reflektiert, sondern vertuscht. Mit der Folge, dass sich dieselben Muster wiederholen.
Fehler als Lernanlässe begreifen
Ein konstruktiver Umgang mit Fehlern bedeutet, sie als Bestandteil von Entwicklungsprozessen zu akzeptieren. Wer sich selbst Fehler erlaubt, erweitert den eigenen Handlungs- und Denkspielraum. Wer anderen Fehler erlaubt, fördert Vertrauen, Reflexion und Zusammenarbeit.
Im Coaching wird dieses Thema häufig sichtbar: Coachees berichten davon, wie stark sie vom inneren Antreiber „Sei perfekt!“ geprägt sind. Auch ganze Teams können von diesem Antreiber geprägt sein. Dann werden Fehler tabuisiert, was zu Argwohn, Stagnation und Frustration führt. Für Führungskräfte ist dieser Wirkzusammenhang nicht immer leicht zu durchschauen, findet er doch still im Alltag und in kleinen Gesten statt.
Systemische Perspektive im Coaching
Im systemischen Coaching liegt unsere Aufmerksamkeit auf den inneren Mustern und Überzeugungen, die unser Verhalten und Denken prägen. Beispiele für Reflexionsfragen lauten:
- Welche Glaubenssätze begleiten dich? Was erzählst du dir selbst, wenn dir ein Fehler unterläuft? Wem würdest du denselben Fehler verzeihen. Und warum fällt dir das bei dir selbst schwer?
- Wie würde dein Alltag aussehen, wenn Fehler nicht als Makel, sondern als Motor für Entwicklung betrachtet würden? Welche Entscheidungen würdest du treffen, wenn du keine Angst vor dem Scheitern hättest?
Ein bewusster, transparenter Umgang mit Fehlern verändert nicht nur das Selbstbild, sondern auch die Qualität von Beziehungen, im privaten wie im beruflichen Kontext. Wer sich selbst und anderen das Scheitern erlaubt, fördert Verbundenheit, Vertrauen und Wachstum. Statt dem unbequemen Richterstuhl vermeintlicher Unfehlbarkeit begeben wir uns wieder auf Augenhöhe und erkennen uns als die, die wir nun mal sind: irrende Wesen.
Einladung zum Nachdenken
Wie gehst du mit deinen eigenen Fehlern um und wie mit denen anderer? In welchen Situationen vermeidest du es, Fehler einzugestehen und warum? Welche Chancen könnten sich ergeben, wenn du deine Haltung zu Fehlern veränderst?
Vielleicht liegt in deinem nächsten Fehler nicht das Ende, sondern der Anstoß für einen wichtigen Entwicklungsprozess. Wäre so etwas wie „Vorfreude“ auf einen Fehler dann möglich?

