Noli huic tranquillitati confidere: momento mare evertitur.
„Trau der Ruhe nicht: von einem Moment auf den anderen wird das Meer unruhig.“
Seneca – Epistulae Morales ad Lucilium
Die Stoa verfolgt eine Ethik der emotionalen Leidvermeidung.
Senecas Rat zielt entsprechend darauf, uns innerlich zu wappnen: Wer jederzeit mit Verlust oder Umbruch rechnet (so die Idee), wird weniger erschüttert, wenn er eintritt. Vorbereitung als Schutz vor Schmerz, auch praemeditatio malorum genannt.
Auf den ersten Blick wirkt das vernünftig.
Aber diese Haltung bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. Denn wer permanent mit dem nächsten Sturm rechnet, verändert seinen Blick auf die Welt. Ruhe wird verdächtig. Gelassenheit erscheint naiv.
Wenn Ruhe misstrauisch macht
Gerade rund um Feiertage und Jahreswechsel begegnet mir dieser innere Alarmmodus häufig. War zuvor noch Schwarzmalerei an der Tagesordnung („Das geht alles schief“), berichten nun viele nicht von dem, was war, sondern von dem, was hätte schiefgehen können – oder was beim nächsten Mal „sicher wieder passiert“.
Die Erklärung liegt dann schnell bereit:
- die Familie,
- die Erwartungen,
- die alten Muster.
Als systemischer Coach halte ich das für zu kurz gegriffen. Konflikte entstehen nur sehr selten einseitig. Sie sind Ergebnis von Wechselwirkungen, von Deutungen und insbesondere Erwartungen, die wir selbst mit in Begegnungen tragen.
Und hier schließt sich der Kreis zu Seneca.
Erwartung formt Begegnung
Wer jederzeit mit dem Sturm rechnet, verhält sich anders als jemand, der der Ruhe traut. Wachsamer und angespannter. Schneller im Rückzug oder im Gegenangriff.
Die innere Haltung ist nicht neutral. Sie wirkt: auf unsere Wahrnehmung, unser Denken, unser Fühlen. Und damit wiederum auf das System, in dem wir uns bewegen. Was wir erwarten, prägt, was wir erleben.
Mein Gegenvorschlag zu Seneca ist daher schlicht:
Wenn es ruhig ist, trau der Ruhe. Wenn jemand freundlich ist, vermute keinen Hinterhalt. Und vor allem: Erlaube Dir, dass Situationen sich anders entwickeln dürfen, als du es erwartest.
Vielleicht wird das nächste Zusammensein nicht konfliktfrei (muss es das eigentlich)? Aber womöglich wird es weniger von alten Erwartungen gesteuert.
Gerade zum Jahreswechsel, wo alles auf die Zukunft blickt, kann das ein wirksamer Schritt sein: Der Gegenwart mehr Raum geben.
Einladung zum Nachdenken
Welche Erwartungen bringst Du in Begegnungen mit, besonders mit Menschen, die Dir nahestehen? Und was bewirken diese Erwartungen, noch bevor etwas überhaupt geschieht?
