Nicht funktionieren, sondern leben!
Corpusculum hoc, custodia et vinculum animi, huc atque illuc iactatur; […] animus quidem ipse sacer et aeternus est et cui non possit inici manus.
„Dieser Körpersack, Wächter und Fessel unseres Geistes, lässt sich hierhin und dorthin schleudern; […] unser Geist hingegen ist heilig, ewig und nicht kann man Hand an ihn legen.“
– Seneca, Trostschrift an Helvia 12,11,7
Mit diesen Worten wollte der römische Philosoph Seneca seiner Mutter Mut machen. Er schrieb ihr aus dem Exil, in das er unter Kaiser Claudius verbannt worden war. Seine Botschaft: Auch wenn der Körper leidet oder eingeschränkt ist, so bleibt der Geist frei. Also kein Grund zur Sorge. Doch gleichzeitig zeigt dieses Zitat, dass der Körper von einigen Denkern als weniger wichtig angesehen wurde als der Geist, fast wie ein Übel, das wir nun einmal ertragen müssen.
Diese Trennung zwischen Körper und Geist nehmen in unserem Kulturkreis viele Menschen bis heute vor. Auch im Coaching begegnet sie mir regelmäßig. Denn viele Menschen empfinden ihren Körper als störend: Er ist zu empfindlich, zu langsam oder zu fordernd. Ein häufiger Gedanke lautet: „Mein Körper muss einfach funktionieren.“ Dabei vergessen viele, dass unser Körper nicht nur etwas ist, das wir „mit uns herumtragen“. Er ist ein Teil von uns, durch den wir fühlen, denken und handeln.
Alte Ideen – neue Probleme
Früher sollte Senecas Gedanke seine Mutter trösten, dass der Geist unabhängig vom Körper sei. Heute erleben viele dadurch aber Druck: Nur wer funktioniert, gilt als stark. Warnzeichen des Körpers wie Müdigkeit oder Schmerzen werden oft ignoriert. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft fällt es schwer, auf die Bedürfnisse unseres Körpers zu hören. Doch moderne Forschung zeigt deutlich: Körper und Geist arbeiten eng zusammen. Sie beeinflussen sich gegenseitig bei allem, was wir fühlen, denken oder tun.
Deshalb berücksichtigt echte Selbstfürsorge auch unseren Körper. Wenn wir die Signale unseres Körpers wahrnehmen, wie z. B. Verspannung, Gereiztheit oder Erschöpfung, und sie ernst nehmen, können wir besser mit Stress umgehen. Dabei helfen bereits kleine Dinge im Alltag: tief durchatmen, kurz aufstehen und sich strecken, Musik hören oder einfach eine Pause machen. Auch wenn es nur ein paar Minuten sind – solche Pausen tun gut und zeigen dem Körper: „Du erhältst Raum.“
Der Körper als wichtiger Teil im Coaching
Im Coaching beziehen wir den Körper aktiv ein. Es geht darum, ihn bewusst wahrzunehmen, seine Hinweise zu verstehen. Unsere Haltung, unser Atem oder Muskelanspannung verraten viel über unser Inneres und sie beeinflussen umgekehrt auch unsere Gedanken und Gefühle.
Was braucht Dein Körper gerade? Warum ist dafür oft kein Platz im Alltag? Was hindert Dich, auf deine Bedürfnisse zu hören? Welche inneren Antreiber wirken in Dir? Musst du immer stark sein, alles schaffen, nie schwächeln?
Solche Gedanken kommen oft aus unserer Erziehung oder von dem, was wir als „normal“ gelernt haben. Sie können hilfreich sein, aber auch belasten.
Mutig neue Wege gehen
Selbstfürsorge ist keine Schwäche oder Faulheit. Im Gegenteil: Wer gut mit sich umgeht, kann mehr leisten. Gesünder, bewusster und nachhaltiger. Es geht nicht darum, weniger zu tun, sondern sinnvoll mit der eigenen Energie umzugehen.
Selbstfürsorge kann auch heißen: Hilfe annehmen, Grenzen setzen, sich selbst ernst nehmen. Wer gut für sich sorgt, hat auch mehr Kraft für andere, in Familie, Freundeskreis oder Beruf. Paradox, aber wahr: Wer bei sich selbst anfängt, kann langfristig auch für andere da sein.
Einladung zum Nachdenken
Wann hast Du Dir zuletzt eine Pause gegönnt – nicht, weil Du nicht mehr konntest, sondern weil Du es Dir erlaubt hast? Welche Rolle spielt Dein Körper in Deinem Alltag?
Vielleicht ist es an der Zeit, Deinen Körper nicht als Hindernis zu sehen, sondern als wertvollen Partner. Denn: Wer auf seinen Körper hört, tut sich insgesamt etwas Gutes und macht den ersten Schritt zu einem Leben, das eben nicht nur funktioniert, sondern sich auch richtig gut anfühlt.

