Nicht für das Leben, sondern für die Schule? Lebensfragen im Coaching

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Quemadmodum omnium rerum, sic litterarum quoque intemperantia laboramus: non vitae sed scholae discimus.

„Wie an allen Dingen, so leiden wir auch an einer Maßlosigkeit in der Wissenschaft: Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“

Seneca – Epistulae Morales ad Lucilium 106

 

Überrascht? Vielleicht kennst Du die umgedrehte Version dieses Satzes aus Deiner Schulzeit: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Ein gut gemeinter Hinweis darauf, dass die Schulbildung uns auf unser späteres Leben vorbereiten soll. Doch tatsächlich war Senecas ursprüngliche Aussage eine ganz andere.

 

Worum ging es Seneca eigentlich?

 

Seneca kritisierte, dass sich die Philosophie seiner Zeit mit spitzfindigen, theoretischen Fragen verlor, anstatt sich mit den (nach seiner Einschätzung) wirklich wichtigen Dingen zu befassen: Wie wird man ein guter Mensch? Was führt zu einem erfüllten Leben? Aus seiner Sicht sollte Philosophie keine rein intellektuelle Fingerübung sein, sondern eine praktische Anleitung für ein gelingendes Leben. Damit steht er in der antiken Tradition der Philosophie als Lebenskunst.

 

Die Parallele zum Coaching

 

Auch im Coaching geht es oft darum, Lösungen für konkrete Probleme zu finden. Menschen kommen mit Herausforderungen – beruflich, privat, zwischenmenschlich – und suchen nach Wegen, sie zu bewältigen. Ein klarer, lösungsorientierter Ansatz kann hier wertvolle Impulse geben. Doch was ist mit Fragen, für die es keine klare Lösung gibt? Ebensolche Fragen, die wir uns im Laufe unseres Lebens immer wieder stellen?

 

Wenn es existenziell wird

Manchmal geht es nicht darum, eine Lösung zu finden, sondern darum, sich seinen eigenen Standpunkt vor Augen zu führen. Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der eigenen Sterblichkeit, nach Liebe und Verbundenheit, das sind keine „Probleme“, die man einfach löst. Sie sind existenzielle Themen, die einen geeigneten Raum zur Reflexion benötigen. Hier kann Coaching mehr sein als reine Lösungsfindung. Es kann ein geschützter Raum sein, um über das nachzudenken, was uns wirklich bewegt, ohne sofort nach einer Antwort (und erst recht nicht nach einer „Lösung“) suchen zu müssen.

 

Einladung zum Nachdenken

 

Nicht jede Frage verlangt nach einer schnellen Lösung. Manche Fragen wollen einfach gedacht, gefühlt, erkundet werden. Wann hast Du Dir zuletzt erlaubt, über Dein Leben nachzudenken, ohne sofort nach Antworten zu suchen? Welche Überzeugungen prägen Dein Verständnis von Liebe, Vergänglichkeit, Sinn? Und sind es wirklich Deine eigenen – oder Echos von Erwartungen, die nie Deine waren? Vielleicht ist es an der Zeit, nicht nach Lösungen zu suchen, sondern den richtigen Fragen Raum zu geben. Welche Frage in Dir verdient heute mehr Aufmerksamkeit?