Loslassen heißt nicht vergessen

Miser Catulle, desinas ineptire,
et quod vides perisse perditum ducas.

Armer Catull, hör auf mit dem Wahnsinn
und versteh‘: Vergangen ist, was sich dir als vergangen zeigt.

Catull, Carmina 8,1f.

 

Der Dichter Catull spricht mit sich selbst, schroff und fordernd. Er ringt mit der Kluft zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Einsicht und Loslassen. Denn das eine ist schnell gesagt: „Es ist vorbei.“ Aber das andere, es wirklich zu begreifen und sich zu lösen – das braucht mehr.

 

Abschied von Bildern des Selbst

Loslassen ist selten nur ein sachlicher Akt. Oft geht es um mehr als eine Situation oder eine Rolle. Es geht um einen Teil von uns selbst, den wir mitgetragen haben. Um eine Vorstellung, die uns Struktur gab.

Wenn Coachees im Gespräch sagen, sie wüssten nicht, was zu tun ist, dann geht es häufig nicht um Wissen. Sondern um den Schmerz, den es kosten würde, diesem Wissen zu folgen. Um die leise Trauer, die damit verbunden ist, einen Lebensabschnitt, eine Zugehörigkeit oder eine Selbsterzählung hinter sich zu lassen. Wer bin ich, wenn das „Nicht mehr“ plötzlich Realität ist? Welches „Noch“ bleibt zurück?

Loslassen bedeutet daher auch, sich einzugestehen, dass man sich verändert hat (und sich verändern darf). Dass die eigenen Werte, Prioritäten oder Lebensumstände heute andere sind als noch vor wenigen Jahren. Und mit dieser Veränderung konfrontiert zu sein, kann schmerzen – besonders dann, wenn ein alter Traum oder ein lang verfolgtes Ziel losgelassen werden muss.

 

Raum für den Abschied

Systemisches Coaching bedeutet hier nicht, sofort Handlungspläne zu erstellen. Sondern zuerst den Raum zu öffnen für das, was verabschiedet werden muss. Für das, was gesehen und gewürdigt werden will. Abschied ist weder punktuell noch linear. Er hat seine eigene Zeit.

Catull wählt harte Worte, um sich zur Vernunft zu zwingen. Heute wissen wir: Solcher Zwang bringt selten nachhaltige Klarheit. Viel wirksamer ist ein respektvoller Umgang mit dem, was einmal wichtig war. Erst die Anerkennung der Bedeutung (für uns) ermöglicht die (Los-)Lösung.

Manchmal braucht es sogar ein Ritual oder einen symbolischen Akt, um den Abschied greifbar zu machen, z. B. das Schreiben eines Briefes oder einen inneren Dialog. Denn nur, was bewusst verabschiedet wird, kann auch wirklich losgelassen – und doch in uns getragen – werden.

 

Veränderung braucht einen inneren Abschluss

Wer loslassen will, muss zuerst innerlich ankommen: im Wissen, dass etwas vorbei ist. Und im Gefühl, dass das in Ordnung ist. Dann kann aus dem Abschied ein Anfang werden. Dann verliert das Festhalten seine Notwendigkeit. Und das Neue muss nicht mehr gegen das Alte gewinnen, sondern kann daraus erwachsen.

 

Einladung zum Nachdenken

Woran hältst Du noch fest, obwohl Du längst weißt, dass es Dich zurückhält? Und was bräuchtest Du, um nicht nur zu verstehen, sondern auch zu akzeptieren, dass es vorbei ist?