Licht geben, ohne zu blenden
Homo qui erranti comiter monstrat viam
quasi lumen de suo lumine accendat facit.
„Ein Mensch, der einem Umherirrenden freundlich den Weg zeigt,
handelt gewissermaßen, als zünde er ein Licht an seinem eigenen an.“
Ennius – Fragmente
Was für ein romantisches Bild. Hilfe als ein Licht, das sich vermehrt, ohne zu verlieren. Wer würde so nicht gerne helfen?
Doch im Coaching stellt sich schnell die Frage: Wo liegt die Grenze zwischen Orientierungshilfe und Einflussnahme? Zwischen Unterstützung und Vorgabe? Denn wenn ich als Coach einen Weg vorzeige, mag das im ersten Moment hilfreich erscheinen (und sich auch so anfühlen), doch es ist nicht mehr der Weg meines Gegenübers.
Vom Wunsch nach Führung
Viele Coachees kommen mit einem tiefen Bedürfnis ins Coaching: nach Klarheit und Richtung. Und nach Halt. Inmitten von Entscheidungsdruck oder im Sturm der Veränderung ist das Streben nach einem sicheren Hafen verständlich. Und ja, ich habe Ideen, sehe mögliche Wege. Ich könnte vorschlagen, verkürzen, (ver-)leiten.
Doch genau das ist der Punkt: Dann würde ich zwar mein Licht spenden, aber damit vielleicht das Feuer ersticken, das noch im Entstehen ist. Denn sobald ich als Coach eine Richtung vorgebe, wird sie zur Referenz. Und Coachee beginnt, sich an meiner Vorgabe zu orientieren, statt sich selbst zu vertrauen.
Ein Raum, der hält – nicht lenkt
Systemisches Coaching bedeutet für mich, den Raum zu halten, nicht ihn als Coach zu füllen. Ich gestalte die Struktur, achte auf Verbindung und ermögliche Reflexion. Aber ich bleibe in der Haltung des Nicht-Wissens über das, was für Coachee richtig ist. Denn was für den einen ein guter Weg ist, kann für den anderen Sackgasse sein.
Orientierung entsteht nicht, indem ich vorangehe. Sondern indem ich an der Seite von Coachee bleibe. Präsenz statt Richtungsvorgabe. Aufmerksamkeit statt Lösung. Oft braucht es genau das: jemanden, der aushält, dass es noch keine Richtung gibt, ohne diesen Zustand sofort zu beenden.
Denn nur einen Weg, den Coachee mit dem eigenen Licht gefunden hat, wird er/sie auch bei Widrigkeiten gehen. Nur, was selbst erkannt wurde, kann im Alltag wirklich leiten.
Einladung zum Nachdenken
Wann warst Du zuletzt versucht, eine Richtung vorzugeben, obwohl Du wusstest, dass Dein Gegenüber einen eigenen Weg finden muss?

