Lebe heute – aber mit Weitblick

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Non est, crede mihi, sapientis dicere ‚Vivam‘:
Sera nimis vita est crastina: vive hodie.

„Nicht ist’s – glaube mir – ein Zeichen von Weisheit zu sagen ‚Ich werde (auch morgen noch) leben‘: Allzu spät ist das Leben im Morgen angesiedelt: Lebe heute!“

– Martial, Epigramme 1,15

 

Ebenso wie das berühmte „Carpe diem“ von Horaz erinnert uns auch dieser Vers von Martial daran, den gegenwärtigen Moment hoch zu schätzen. Der Gedanke, das Hier und Jetzt bewusster wahrzunehmen, zieht sich durch die gesamte Geistesgeschichte, von den Epikureern bis hin zu modernen Achtsamkeitsmethoden. Doch bedeutet das, dass wir uns ganz dem Augenblick hingeben und die Zukunft dem Morgen überlassen sollten?

Zwischen Achtsamkeit und Weitsicht

Die naheliegende Schlussfolgerung „Genieße den Moment!“ greift zu kurz. Ein Leben, das ausschließlich auf den Genuss der Gegenwart ausgerichtet ist, kann langfristige Werte und Ziele aus den Augen verlieren. Umgekehrt führt eine rein zukunftsorientierte Lebensweise oft dazu, dass das Hier und Jetzt vernachlässigt wird. Die Herausforderung liegt in der Balance zwischen beiden Polen.

Genau hier setzt das Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun an, das auf der Tugendlehre von Aristoteles basiert. Dieses Modell zeigt, dass vermeintliche Gegensätze – in diesem Fall Leben im Moment und vorausschauendes Planen – keine unvereinbaren Gegensätze sind, sondern sich ergänzende Schwestertugenden. In ihrer besten Form ermöglichen sie eine Lebensführung, die sowohl achtsam als auch weitsichtig gestaltet ist.

Doch jede Tugend kann ins Ungesunde kippen: Wer sich ausschließlich im Moment verliert, läuft Gefahr, in kurzsichtige Genusssucht abzudriften. Wer nur für die Zukunft lebt, riskiert eine gegenwartsvergessene Weitsicht. Diese Extreme bilden den Ausgangspunkt für persönliches Wachstum – indem wir ihnen bewusst entgegensteuern, können wir eine gesunde Mitte finden.

Systemisches Coaching: Deine Balance finden

Im systemischen Coaching nutzen wir Modelle wie das Entwicklungsquadrat, um individuelle Muster und Ungleichgewichte sichtbar zu machen. Oft zeigt sich, dass persönliche Konflikte oder Unzufriedenheit daraus resultieren, dass eine der beiden Tugenden ausgeartet ist. Das Coaching hilft dabei, eine Balance zu schaffen und herauszuarbeiten, wie sich beide Qualitäten in Deinem Leben sinnvoll ergänzen können.

 

Einladung zum Nachdenken

1. Bewusstsein für den eigenen Fokus schaffen
Welche der beiden Schwestertugenden steht für Dich im Vordergrund – der gegenwärtige Moment oder das vorausschauende Planen? Gibt es eine Tendenz zu einer der beiden Seiten, die sich für Dich nicht stimmig anfühlt?

2. Möglichkeiten zur Veränderung erkennen
Welche kleinen Schritte könntest Du gehen, um die andere Perspektive stärker in Dein Leben zu integrieren? Welche Gewohnheiten oder Denkmuster bräuchten vielleicht eine kleine Anpassung?

3. Langfristige Balance entwickeln
Wie kannst Du Dein Leben so gestalten, dass Du sowohl den Moment genießt als auch Deine Zukunft aktiv mit Weitblick formst?