Furcht ist kein Feind

Ubi nil timetur, quod timeatur, nascitur.

„Wo nichts befürchtet wird, entsteht Furchtbares.“

Publilius Syrus, Sententiae

 

Furcht hat keinen guten Ruf. Sie engt ein, sie lässt uns zaudern. Im Umgang mit ihr versuchen wir sie zu kontrollieren, zu verdrängen, zu rationalisieren. Geradezu als ob sie uns nichts anhaben könne, wenn wir sie nur nicht ernst nehmen. Doch genau hier setzt die Warnung des römischen Dramatikers Publilius Syrus an: Wo keine Furcht mehr erlaubt ist, wächst das Risiko im Verborgenen.

 

Furcht zeigt sich auch im Verborgenen

Nicht jede Furcht ist irrational. Furcht hat viele Gesichter – und manche von ihnen erkennen wir erst auf den zweiten Blick. In meiner Coachingpraxis ist Furcht selten das große Drama, das offen auf dem Tisch liegt. Viel häufiger wirkt sie leise, z. B. getarnt als Perfektionismus, als chronisches Überengagement, als stete Konfliktvermeidung.

  • Eine Coachee, die ständig über ihre Grenzen hinaus arbeitet. Aus Furcht davor, unzulänglich zu erscheinen.
  • Ein Team, das schwierige Themen meidet. Aus Furcht davor, gewachsene (manchmal vermeintliche) Harmonie zu gefährden.
  • Eine Führungskraft, die scheinbar souverän agiert, sich jedoch kein Innehalten erlaubt, weil Zweifel im Selbstbild keinen Platz haben.

All diese Verhaltensweisen folgen keiner festen Strategie. Sondern sie resultieren aus einer tief verwurzelten Angst, sichtbar verwundbar zu sein.

 

Coaching heißt: der Furcht zuhören

Im Coaching geht es nicht darum, Furcht abzuschalten. Sie ist kein Störsignal, das beseitigt werden muss, sondern ein Hinweis. Wenn wir bereit sind hinzuschauen, zeigt sie uns, wo unsere wunden Punkte liegen. Und damit auch, wo Entwicklung möglich wird. Auf diese Weise deuten wir die Furcht um: vom Hindernis zum Wachstumsimpuls.

Der Mut, der daraus erwächst, ist kein überhitzter Heldenmut. Sondern ein stiller, stabiler Schritt hin zu uns selbst.

Denn Mut beginnt nicht da, wo Furcht aufhört. Sondern dort, wo wir bereit sind, ihr zuzuhören.

 

Einladung zum Nachdenken

Wann hast Du zum letzten Mal gemerkt, dass Du Deiner Furcht folgen solltest? Und wann hast Du gemerkt, dass sie Dich nur klein gehalten hat?