Ermöglichen statt vereinnahmen – Coaching auf Augenhöhe
Adsero te mihi; meum opus es.
„Ich beanspruche deinen Fortschritt für mich; du bist mein Werk.“
Seneca, Epistulae Morales ad Lucilium
Stolz sticht aus diesem Satz heraus. Vielleicht ist er sogar liebevoll gemeint. Und doch liegt irgendwo ein Schatten darüber: Denn Seneca, der oft als Vorbild antiker Weisheitslehre gilt und manchmal gar als „antiker Coach“ bezeichnet wird, erhebt hier einen Besitzanspruch. Auf die Entwicklung eines anderen Menschen. Auf persönlichen Fortschritt, der eigentlich frei sein sollte.
Wenn Coaches anmaßend werden
Die Versuchung ist menschlich. Wer andere begleitet, möchte etwas bewirken. Vielleicht sogar etwas hinterlassen. Aber genau hier liegt auch eine Gefahr: Dass wir das, was wir möglich gemacht haben, mit dem verwechseln, was wir selbst geleistet hätten.
Als Coaches müssen wir darauf achten, hier klar zu trennen.
Denn: Der Fortschritt des Coachees ist nicht das Werk des Coaches. Sondern das Ergebnis eines Dialogs. Einer Entwicklungsbeziehung auf Augenhöhe. Einer Atmosphäre, in der Coachee sich entwickeln darf, ohne vereinnahmt zu werden.
Coaching ist keine Bühne für den Coach
Viele Menschen, die ins Coaching kommen, haben beruflich und privat viel erreicht. Sie brauchen niemanden, der ihnen erklärt, wie sie ihr Leben führen sollen. Was sie suchen, ist eher ein Ort, an dem sie in Ruhe über sich nachdenken können:
Der richtige Raum zur richtigen Zeit
Nicht ich als Coach finde die Lösung. Sondern der Coachee. Ich stelle Fragen, höre zu und biete Denkanstöße. Aber die wichtigen Erkenntnisse kommen aus dem Coachee selbst.
Veränderung ist kein planbares Projekt
Coaching ist keine Liste, die man abarbeitet. Es geht nicht darum, am Ende ein fertiges Ergebnis zu präsentieren. Die wertvollsten Veränderungen sind oft klein und still. Vielleicht merkt man sie nur daran, dass Coachee anfängt, sich selbst ernster zu nehmen und entsprechend zu handeln. Und häufig setzen wir im Coaching nur erste Impulse, die im Anschluss an das Gespräch stark nacharbeiten.
Ein guter Coach macht sich irgendwann überflüssig
Das beste Zeichen für eine gelungene Zusammenarbeit? Wenn Du mich nicht mehr brauchst. Wenn das, was wir gemeinsam besprochen haben, im Inneren weiterwirkt. Der Coach begleitet nur ein Stück – der Weg gehört der gecoachten Person.
Darum geht es für mich im Coaching nicht darum, selbst gut dazustehen. Sondern darum, anderen zu helfen, ihren Weg zu finden. Und wenn am Ende niemand merkt, wie viel der Coach beigetragen hat, ist das meiner Meinung nach ein gutes Zeichen.
Einladung zum Nachdenken
Wie gehst du mit den Erfolgen anderer um? Ob als Führungskraft, in einer Beratung oder im Team? Musst du sichtbar sein, um dich wirksam zu fühlen? Oder reicht es dir, wenn du weißt, dass du im Hintergrund etwas ermöglicht hast?

