Die Kunst, nicht sofort überzeugt zu sein

ante enim iudicasti Epicureum te esse oportere quam ista cognovisti: ita necesse fuit aut haec flagitia concipere animo aut susceptae philosophiae nomen amittere.

Du meintest nämlich, Epikureer sein zu müssen, bevor du all dies durchdrungen hast: daher musstest du entweder diesem Unsinn in deinem Innern Raum geben oder, gerade erst übernommen, diese philosophische Schule schon wieder loslassen.

– Cicero, De natura deorum 1,66

 

Cicero kritisiert hier zum einen einen Gesprächspartner. Zum anderen beschreibt er ein Muster, das zeitlos ist: Wir positionieren uns, bevor wir verstehen. Wir legen uns fest, lange bevor wir wirklich geprüft haben, ob uns das, wofür wir (ein)stehen, auch trägt.

Von der Meinung zum Selbstbild zum Weltbild

Das beginnt harmlos. Eine Meinung, ein Standpunkt – und ehe wir uns versehen, wird daraus ein Teil unserer Identität.

  • „Das passt zu mir.“
  • „Dafür stehe ich.“
  • „So bin ich.“

Doch was passiert, wenn wir merken, dass unser Fundament brüchig ist? Wenn sich herausstellt, dass unsere Haltung weniger auf Erkenntnis als auf Gewohnheit beruhte?

In einer Welt, die Schnelligkeit und Eindeutigkeit feiert, ist das kein leichter Moment. Zögern wird schnell als Schwäche gelesen. Doch Zögern ist oft das Gegenteil. Es zeigt, dass wir denken. Dass wir verstehen wollen, bevor wir urteilen.

Zwischen Ungewissheit und Erkenntnis

Viele Coachees haben das Vertrauen in ihre früheren Überzeugungen verloren. Nicht, weil sie gescheitert sind, sondern weil sie sich weiterentwickelt haben. Sie beginnen zu fragen, ob das, was sie lange als „richtig“ empfanden, für sie heute noch vertretbar ist. Diese Menschen stecken nicht in der Krise. Sie befinden sich in einem Übergang: zwischen „Ich weiß nicht mehr“ und „Ich weiß noch nicht“. Genau dort, im Ungewissen, entsteht neue Klarheit.

Und das ist mutig. Denn Mut zeigt sich nicht nur im entschlossenen Handeln. Er zeigt sich auch in dieser Bereitschaft, im Zweifel zu bleiben.

Einladung zum Nachdenken

Wann hast Du zuletzt von einer Überzeugung abgelassen? Nicht, weil es falsch war, sondern weil Du erkannt hast, dass Deine damalige Sicht für Dich nicht mehr zu verantworten ist?