Den Netten beißen die Hunde? Gedanken über Umgänglichkeit

Facilitas nimia partem stultitiae sapit.

„Allzu große Umgänglichkeit schmeckt eine Spur nach Dummheit.“

Publilius Syrus, Sententiae

 

Ein harter Satz, der Widerstand produziert. Wie kann eine gute Eigenschaft wie Freundlichkeit schlecht oder sogar dumm wirken? Publilius Syrus spricht hier jedoch eine zeitlose Beobachtung aus: Wenn wir stets versuchen, es allen recht zu machen, verlieren wir den Kontakt zu uns selbst und unseren eigenen Bedürfnissen. Damit wirken wir fast wie eine Marionette, ohne eigenen Standpunkt und fest im Griff unseres Umfelds.

 

Das „brave Mädchen“ und seine heutigen Formen

Sophia Fritz greift diese Problematik in ihrem Buch Toxische Weiblichkeit auf. Sie beschreibt das Bild des „braven Mädchens“ – freundlich, anpassungsfähig, stets rücksichtsvoll und harmoniesuchend. Diese Rolle betrifft nicht nur Mädchen. Auch Jungen, Frauen und Männer können diese Züge entwickeln und sich entsprechende Muster aneignen.

Im Alltag bleibt dieses Verhalten oft ganz unbemerkt:

• Wir schlucken Kritik herunter, um keinen Streit zu riskieren.
• Wir stimmen Aussagen zu, obwohl wir innerlich eine andere Meinung haben.
• Wir stellen eigene Wünsche und Bedürfnisse hinten an, damit die Stimmung nicht kippt.
• Wir lächeln, obwohl wir uns ärgern oder verletzt fühlen.

Langfristig hat dieses Verhalten dennoch seinen Preis. Irgendwann spüren wir, dass wir uns nicht stimmig verhalten bzw. nicht stimmig kommunizieren, dass wir fremdbestimmt leben. Im Extrem vernehmen wir uns nicht einmal mehr selbst.

 

Coaching: Gleichgewicht zwischen Anpassung und „Für-sich-einstehen“

Im Coaching begegne ich Menschen, die nett, hilfsbereit und empathisch sind. Viele von ihnen bemerken mit der Zeit, dass sie kaum Grenzen setzen. Sie passen ihre Grenzen vielmehr so stark an, dass ihre eigenen Bedürfnisse und Meinungen untergehen. Wir starten also mit der Selbstbeobachtung.

 

Wo passe ich mich zu sehr an?

Erinnere Dich an Situationen, in denen Du lieber geschwiegen hast, obwohl Du etwas hättest sagen wollen oder sollen. Was war der Grund? Angst vor Ablehnung? Der Wunsch, niemanden zu enttäuschen?

 

Wertschätzung der Eigenschaft

Anpassung ist nicht grundsätzlich negativ, sondern durchaus eine positive Eigenschaft bzw. Verhaltensweise. Sie zeigt soziale Intelligenz. Doch sie sollte eine bewusste Entscheidung bleiben, kein unbewusster Reflex. Es geht darum zu unterscheiden, wann Anpassung sinnvoll ist und wann sie uns selbst schadet.

 

Erste Gegenentwürfe in Denken und Verhalten entwickeln

Verhaltensänderungen sind anstrengend, aber der erste Schritt hin zu einer neuen Stimmigkeit. Zum Beispiel: Du bist in einem Meeting und eine Idee wird vorgestellt, von der Du weißt, dass sie verbesserungswürdig ist. Statt aus Angst vor Ablehnung zu schweigen, entscheidest Du Dich, Deine Gedanken respektvoll und konstruktiv einzubringen.

 

Solche kleinen Schritte heraus aus der Bequemlichkeit fördern Deine persönliche Entwicklung. Dafür braucht es den Mut, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen oder ein „Nein“ zu riskieren. Nicht, um zu provozieren, sondern um Dir selbst treu zu bleiben und authentische Beziehungen aufzubauen.

Das Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun bietet hier eine hilfreiche Perspektive: Jede positive Eigenschaft (wie Freundlichkeit) braucht eine passende Schwestertugend (wie Standhaftigkeit), damit sie nicht ins Übermaß ausartet. Zu viel Nettigkeit ohne Standfestigkeit kann dazu führen, dass Du übergangen oder ausgenutzt wirst.

 

Einladung zum Nachdenken

Wie gehst du mit Deiner eigenen Umgänglichkeit um? Wann ist sie Deine Stärke, wann belastet sie Dich eher? Denk an Momente, in denen Du Dich selbst zurückgenommen hast, obwohl Dein Beitrag wertvoll gewesen wäre. Was hätte sich vielleicht verändert, wenn Du gesprochen hättest?

Wichtig hierbei: Du musst nicht wählen zwischen Nettigkeit und Aufrichtigkeit. Du kannst und du darfst beides leben.