Einträge von Fabian Neuwahl

Warum wir uns selbst verstehen und andere bewerten

quia magis ea percipimus atque sentimus, quae nobis ipsis aut prospera aut adversa eveniunt, quam illa, quae ceteris, [… ] aliter de illis ac de nobis iudicamus. „Weil wir eher die Dinge wahrnehmen und fühlen, die uns selbst geschehen – sei es im Guten oder im Schlechten – als jene, die anderen geschehen, […] urteilen […]

Stimmigkeit leben – Rollen in Resonanz bringen

nihil est profecto magis [decorum] quam aequabilitas universae vitae. „Nichts ist in der Tat schöner als eine Stimmigkeit in der gesamten Lebensführung.“ Cicero, De officiis 1,111   Cicero formuliert einen Anspruch, der bis ins Heute nachhallt: ein stimmiges Leben. Kein perfektes, kein glattes, sondern eines, in dem unsere verschiedenen Rollen und Facetten miteinander in Einklang […]

Furcht ist kein Feind

Ubi nil timetur, quod timeatur, nascitur. „Wo nichts befürchtet wird, entsteht Furchtbares.“ Publilius Syrus, Sententiae   Furcht hat keinen guten Ruf. Sie engt ein, sie lässt uns zaudern. Im Umgang mit ihr versuchen wir sie zu kontrollieren, zu verdrängen, zu rationalisieren. Geradezu als ob sie uns nichts anhaben könne, wenn wir sie nur nicht ernst […]

Licht geben, ohne zu blenden

Homo qui erranti comiter monstrat viam quasi lumen de suo lumine accendat facit. „Ein Mensch, der einem Umherirrenden freundlich den Weg zeigt, handelt gewissermaßen, als zünde er ein Licht an seinem eigenen an.“ Ennius – Fragmente   Was für ein romantisches Bild. Hilfe als ein Licht, das sich vermehrt, ohne zu verlieren. Wer würde so […]

Loslassen heißt nicht vergessen

Miser Catulle, desinas ineptire, et quod vides perisse perditum ducas. Armer Catull, hör auf mit dem Wahnsinn und versteh‘: Vergangen ist, was sich dir als vergangen zeigt. Catull, Carmina 8,1f.   Der Dichter Catull spricht mit sich selbst, schroff und fordernd. Er ringt mit der Kluft zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Einsicht und Loslassen. Denn […]

Vom Totenschädel zur Weltkugel: Systemisches Denken in vier Worten

„Der Todenkopf eine Weltkugel…“ – Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher   Nur vier Worte. Und doch reichen sie, um zwei scheinbar getrennte Welten ineinander zu spiegeln: Anatomie und Weltbild. In der Form des menschlichen Schädels erkennt Lichtenberg die Kugelgestalt der Erde. Poetisch, provokant und auf eine eigene Weise tief systemisch.   Der Mensch als Spiegel seiner […]

Tränen stehen am Anfang

Nec sicci sint oculi amisso amico nec fluant; lacrimandum est, non plorandum. Weder sollen deine Augen trocken sein noch vor Tränen überquellen angesichts des Verlusts eines Freundes; weinen soll man, nicht klagen. Seneca, Epistulae Morales   Der Stoiker Seneca gestattet Gefühle, aber nicht schrankenlos. Er gesteht dem Menschen Schmerz zu, will aber zugleich Maß und […]

Ermöglichen statt vereinnahmen – Coaching auf Augenhöhe

Adsero te mihi; meum opus es. „Ich beanspruche deinen Fortschritt für mich; du bist mein Werk.“ Seneca, Epistulae Morales ad Lucilium   Stolz sticht aus diesem Satz heraus. Vielleicht ist er sogar liebevoll gemeint. Und doch liegt irgendwo ein Schatten darüber: Denn Seneca, der oft als Vorbild antiker Weisheitslehre gilt und manchmal gar als „antiker […]

Wenn Schweigen doppelt zählt

Bis peccas, cum peccanti obsequium commodas. „Gleich doppelt machst du einen Fehler, wenn du dem, der einen Fehler begeht, gehorchst.“ Publilius Syrus – Sententiae   Dieser Vers richtet sich nicht an jene, die handeln, sondern an jene, die zuschauen. An die, die wissen, dass etwas falsch läuft, aber nicht widersprechen. An die, die mitlaufen, ohne […]

Uns selbst entkommen wir nicht

caelum, non animum mutant, qui trans mare currunt. Den Himmel über ihnen, nicht die Persönlichkeit im Innern, verändern die, die über das Meer hinweg eilen. Horaz – Epistulae 1,11   Ein Vers, so knapp wie klar. Horaz beobachtet: Wir reisen, fliehen, suchen die Veränderung – und bleiben doch stets, wer wir sind. Der neue Ort […]