Aller Anfang ist schwer: Mir selbst ein Freund sein

‚Quaeris, quid profecerim? amicus esse mihi coepi.‘

„Du fragst, welchen Fortschritt ich gemacht habe? Ich fange an, mein eigener Freund zu sein.“

Seneca, Epistulae Morales ad Lucilium (zitiert Hekaton von Rhodos)

 

Klingt doch gar nicht so schwer, oder? Doch obwohl es normal klingt, ist es für viele Menschen gar nicht so leicht, gut mit sich selbst umzugehen. Es geht hierbei nicht darum, sich selbst zu bewundern, sondern darum, sich selbst freundlich und ehrlich zu begegnen. Eben so wie man es mit einem guten Freund machen würde.

 

Selbstkritik als Gewohnheit

Im Coaching treffe ich Menschen, die sehr verantwortungsbewusst und ehrgeizig sind. Sie denken viel nach und haben einen hohen Anspruch an ihre eigene Tätigkeit. Aber sie reden mit sich selbst oft sehr streng. So streng, wie sie nie mit einem anderen Menschen sprechen würden:

  • Erfolge (kleine wie große!) werden heruntergespielt.
  • Fehler bleiben lange im Kopf und werden auch noch Wochen danach hervorgekramt.
  • Verständnis gibt es nur für andere.

Der Grund: Häufig ist da eine innere Stimme, die von Erfahrungen aus der Vergangenheit herrührt. Und dann ist da noch die gesellschaftliche Prägung: Viele denken, dass man nur weiterkommt, wenn man nur hart zu sich selbst ist. Zum Beispiel, wenn man sich nach einem Fehler innerlich beschimpft und tadelt, anstatt die eigene Fehlbarkeit zu akzeptieren und daraus zu lernen. Solche Gedanken wirken oft wie ein Antrieb, führen aber langfristig eher zu Stress und Selbstzweifeln. Selbstkritik kann sehr sinnvoll sein, weil sie zeigt, dass uns etwas wichtig ist, und uns zu Höchstleistungen anspornt. Doch wenn sie nicht mehr aufhört, blockiert sie uns. Dann zweifeln wir ständig an uns selbst und stehen uns selbst im Weg. Wir brauchen zusätzlich eine Stimme, die uns auf die Füße hilft, statt uns am Boden zu halten.

 

Im Coaching: Nicht am Mangel arbeiten, sondern an der Beziehung

Coaching beginnt hier nicht mit positiven Sprüchen wie „Du schaffst das schon!“ oder „Denk einfach positiv!“, sondern mit der Frage: Wie ist eigentlich meine Beziehung zu mir selbst? Es geht darum, sich selbst zuzuhören, sich ernst zu nehmen und sich in schweren Momenten beizustehen.

Hilfreich ist hier auch ein Perspektivwechsel: Vielleicht brauchst Du gerade keine neue Leistung, sondern eine bessere Verbindung zu Dir selbst. Vielleicht beginnt Entwicklung nicht mit „noch besser werden“, sondern damit, dass Du anerkennst, was schon da ist und dass Fehler in den seltensten Fällen den Weltuntergang zur Folge haben. Eine Wertschätzung Deiner selbst tut gar nicht weh und wirkt sich positiv auf deine Leistungsfähigkeit aus. Wer sich selbst gegenüber freundlich ist, kann besser mit Stress und Herausforderungen umgehen. Das hilft nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben. Selbstfreundschaft bedeutet also nicht, stehen zu bleiben.

 

Einladung zum Nachdenken

Würdest Du mit einem guten Freund so sprechen, wie Du mit Dir selbst sprichst? Wenn nicht, warum tust Du es dann? Du kannst heute damit anfangen, dein freundlicher Begleiter zu sein: Höre Dir zu. Und bald bist Du dort, wo Vertrauen und echte Veränderung entstehen können. Wo Du nicht (nur) Dein eigener Kritiker bist, sondern (auch) Dein eigener Freund.